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ⓘ Hosea



Hosea
                                     

ⓘ Hosea

Hosea bezeichnet einen historischen Schriftpropheten im Nordreich Israel und das ihm zugeschriebene Buch. Mit ihm beginnt das Zwölfprophetenbuch im hebräischen Tanach. Es berichtet von Hoseas Kampf gegen den Götzendienst in Metaphern einer Liebesbeziehung.

                                     

1. Aufbau und Inhalt

In seiner heutigen Gestalt wird das Buch in drei Teile gegliedert, um die herum Eingangs- und Schlusswort 1.1 und 14.10 als Rahmen stehen. Die Einteilung in 14 Kapitel wurde erst im Mittelalter vorgenommen.

                                     

1.1. Aufbau und Inhalt Erster Teil: Hosea 1.2 bis 3.5

Die ersten drei Kapitel enthalten drei konzentrische Abschnitte Aufbau: A–B–A, die Hoseas Ehe mit einer Hure bzw. Ehebrecherin als Spiegel für Israels Untreue gegenüber JHWH darstellen.

  • Hos 1.2 bis 2.3 berichtet in der dritten Person über Hoseas Heirat mit Gomer, der Tochter Diblajims. Die eigentliche Zeichenhandlung ist die Namensgebung für ihre Kinder, die abbilden, dass Gott seinen Bund mit Israel zurücknehme und dieses Volk nicht mehr sein Volk sei: Der erste Sohn soll Jesreel genannt werden, die Tochter Lo-Ruhama "Kein Erbarmen" und der andere Sohn Lo-Ammi "Nicht mein Volk".
  • Den Mittelteil bildet eine zweiteilige Gottesrede Hos 2.4–17, die das Thema der Untreue Israels aufgreift. Diese Gottesrede ist umrahmt von den kontrastierenden Heilsankündigungen Hos 2.1–3 und 2.18–25, die das Gericht umkehren und einen neuen Bund Gottes mit dem geläuterten Gottesvolk ankünden.
  • In Hos 3 berichtet Hosea, dass er erneut eine untreue Frau heiraten muss, um Gottes Leiden an der Untreue Israels biografisch abzubilden. Diesmal zeugte er keine Kinder mit ihr, sondern lebte enthaltsam, um dem Volk zu zeigen: So werdet auch ihr ohne König, Opferkult und Religion leben, bis JHWH euch wieder annimmt. Der Schlussvers lautet

Dieser eschatologische Ausblick deutet auf eine Komposition dieses Hauptteils gegen Ende des Exils, als unter den Exilierten Hoffnungen auf einen Nachkommen Davids aufkamen, der Israel und Juda wiedervereinen und damit die messianische Heilszeit einläuten würde. Hoseas akute gegenwartsbezogene Unheilsansage, die keine Ausflucht mehr ließ, wurde zum Bußruf historisiert, auf den hin vergangenes Geschehen gedeutet wurde, um daraus neue Zukunftsperspektiven zu gewinnen. Hosea weiß sonst nichts vom König David, einem Messias und vom Jerusalemer Tempelkult.

Die beiden widersprüchlichen Eheberichte haben der Exegese viele Rätsel aufgegeben: Welcher der beiden Berichte ist authentisch? Handelte es sich um dieselbe oder eine neue Ehe? War diese bloß metaphorisch zu verstehen oder real? Von einer Scheidung von Gomer wird nichts berichtet. Walther Zimmerli nahm an, dass sie eine Tempelprostituierte war, da Hosea diese Praxis scharf kritisierte und für seine Gerichtspredigt verfolgt wurde Hos 9.7b–8. Seine Treue zu der Ehebrecherin drückte aber bereits JHWHs Treue zu Israel gerade in seinem unausweichlichen Gerichtshandeln aus.

                                     

1.2. Aufbau und Inhalt Zweiter Teil: Hosea 4.1 bis 11.11

Ab dem vierten Kapitel reihen sich Gottes- und Prophetenreden aneinander und reden zuweilen das ganze Volk Israel, dann wieder seine Priester und den König an oder beschreiben ihre Schuld in der dritten Person.

Eine große Anklagerede wie in einem Gerichtsprozess umreißt in Hos 4.1-3 die Thematik des ganzen Buches, eingeleitet mit: "Hört das Wort des Herrn, ihr Söhne Israels!" 4.1a Sie zählt die Vergehen des Volkes auf: "Denn der Herr erhebt Klage gegen die Bewohner des Landes: Es gibt keine Treue und keine Liebe und keine Gotteserkenntnis im Land. Nein, Fluch und Betrug, Mord, Diebstahl und Ehebruch machen sich breit, Bluttat reiht sich an Bluttat." 4.1b-2 Maßstab sind hier die Zehn Gebote, wobei der Bruch des 1. Gebots, Gott allein zu lieben, alle weiteren Rechtsverstöße nach sich zieht. Dies hat tödliche Folgen für alle: "Darum soll das Land verdorren, jeder, der darin wohnt, soll verwelken, über sie spotten." 7.16b.

  • Alles dies gipfelt in der Ablehnung der Prophetie durch Israel und einer Verstrickung in Schuld "wie in den Tagen von Gibea" Hosea 9.9.


                                     

1.3. Aufbau und Inhalt Absatz 9.10 bis 11.11

  • In vier Geschichtsrückblicken 9.10-17, 10.1-8, 10.9-15 und 11.1-7, die jeweils dem Aufbau Anklage – Strafankündigung folgen, wird der Kontrast zwischen JHWHs liebendem Handeln und Israels unbegreiflicher Abkehr dargestellt.
  • Diese Gerichtsrede schließt, statt mit einem Urteilsspruch, nun aber mit einem Heilswort, Hos 11.8–11, in dem JHWH in mütterlicher Liebe einen neuen Exodus verheißt, allerdings durch das Gericht hindurch. Manche Exegeten vermuten hier einen ehemaligen Schluss des Buches.
                                     

1.4. Aufbau und Inhalt Dritter Teil: Hosea 12.1 bis 14.9

Die Kapitel 12–14 sind eine Art Zusammenfassung der hoseanischen Gerichtsverkündigung mit Abschlusscharakter und Einladung zur Umkehr nach dem Fall Samarias. Möglicherweise war das in einem früheren Stadium der Redaktion ein Anhang zu den Kapiteln 4–11, eine Art Schlussdiskussion der Anhänger Hoseas.

Hos 14.2–14.10 wird als eine exilische Heilsprophetie und als Anhang gedeutet.

                                     

2. Entstehung

Der Textbestand des Buches Hosea gehört neben dem Buch Amos zu den biblischen Büchern mit der längsten Überlieferungsgeschichte. Entsprechend uneinig ist die historisch-kritische Bibelforschung über seine mögliche Herkunft und Überlieferungsgeschichte. Diskutiert werden vier denkbare Entstehungsmodelle:

  • Kapitel 4–14 seien nach 722 von Schülern Hoseas aufgeschrieben und später punktuell ergänzt worden. Kapitel 1–3 habe eine eigene Wachstumsgeschichte gehabt und sei frühestens in exilischer Zeit vorangestellt worden.
  • Die Hälfte der gesammelten Reden Hoseas gehe auf eine nachexilische deuteronomische Redaktion zurück, der eine früh-deuteronomische Sammlung von Hosea-Worten vorgelegen habe. Von Hosea selbst stammten nur einige Sprüche daraus.
  • Das Buch sei Resultat eines rolling corpus William McCane, d. h. einige kurze authentische Worte Hoseas und seiner Schüler hätten einen unüberschaubaren Kommentierungsprozess ausgelöst, wobei bis ins Exil hinein Kommentar auf Kommentar gefolgt sei.
  • Das Buch stamme großenteils von Hosea selbst oder Redeskizzen seiner Schüler.

Sicher ist, dass ein Teil der hier gesammelten Prophetensprüche auf eine judäische Redaktion in oder nach dem Babylonischen Exil 586–539 v. Chr. zurückgeht, die Unheilsworte an das Nordreich auf das Südreich bezog und entsprechend ergänzte. Das zeigen im ganzen Buch verstreute angehängte Einzelverse, die Israels Schicksal von 722 als Mahnung an Juda deuten 4.15 ; 5.5 ; 6.1–3 ; 7.10 ; 8.14 ; 10.11 ; 11.10f.

Dieser Redaktion kann jedoch schon eine lange überlieferte Sammlung von Hoseas Prophetie vorgelegen haben, die wahrscheinlich bald nach 722 im Südreich begann. Eventuell wurden dort bereits Heilsansagen unverbunden neben die älteren, authentischen Unheilworte Hoseas gestellt, da nach 586 auch judäische Prophetie auf diese Weise ergänzt und gedeutet wurde Hans Walter Wolff, Otto Kaiser.



                                     

3. Autor und Zeitgeschichte

Hos 1.1 stellt Hosea als Sohn Beeris vor. Mehr erfährt man nicht über seine Herkunft. Er stammte aber wohl aus dem Nordreich, denn er bezog sich ausschließlich auf dessen Traditionen und trat vor allem in der Hauptstadt Samaria, eventuell auch anderen israelischen Kultorten wie Bethel und Gilgal auf, die genannt werden.

Er soll in der Regierungszeit der judäischen Könige von Usija ca. 787–736 bis zu Hiskija ca. 728–700 sowie unter dem israelischen König Jerobeam II. 787–747 gewirkt haben. Diesem war zunächst eine Rückeroberung der an die Aramäer verlorenen Gebiete gelungen 2 Kön 14.25. Doch bald darauf wurden Israel und Juda zunehmend von der neuen Großmacht Assyrien bedroht; 722 eroberte deren König Salmanassar V. Samaria und beendete das Königtum des Nordreichs.

Einige Anspielungen erlauben, Hoseas Wirkungszeitraum näher einzugrenzen:

  • In Hos 7.11f und 12.2 kritisiert der Prophet die zwischen den Assyrern und Ägypten hin- und herschwankende Bündnispolitik des Nordreichs: Dies verweist auf die Spätzeit des letzten nordisraelischen Königs Hoschea 731–723, der die assyrische Eroberung durch Tribute aufzuhalten versuchte und dann provozierte, indem er sich heimlich mit der konkurrierenden Großmacht Ägypten gegen Assur verbündete 2 Kön 17.3f.
  • Der Prophet kündigt wiederholt den Untergang des Nordreichs an, der 722 nach dreijähriger Belagerung Samarias eintrat 2 Kön 17.5f. Darüber berichtet Hosea nichts, er erlebte den assyrischen Sieg also offenbar nicht mehr mit. Deshalb nimmt man eine Wirkungszeit zwischen 750 Jerobeam II. bis etwa 725 Belagerungsbeginn an.
  • Nach Hos 1.4 sollte Hosea seinen ersten Sohn "Jesreel" nennen zum Zeichen dafür, dass JHWH die "Bluttat von Jesreel" bald sühnen werde. So hieß die Königsstadt, in der Heerführer Jehu die Nachkommen des Königs Ahab ausrotten ließ und selbst den Thron an sich riss 2 Kön 10.1–11. Jehus Dynastie endete laut 2 Kön 15 mit dem Sturz seines Ururenkels Secharja 747 v. Chr. Demnach begann Hosea in den Jahren davor aufzutreten, als Israel unter Jerobeam II. eine Zwischenzeit des Friedens und Wohlstands erlebte. Hoseas deutlicher Hinweis auf das blutige Massaker, auf dem der Scheinfriede aufgebaut wurde, und dessen unausweichliche Folgen erfüllte sich 733 v. Chr., als der Assyrerkönig Tiglat-Pileser III. dem Staat Israel große Gebietsteile raubte, darunter die Ebene Jesreel.

Anders als bei dem etwa zeitgleich auftretenden Propheten Amos Am 7.14 wird von Hosea keine ausdrückliche Berufung berichtet. Seine Prophetie ist überwiegend Kultkritik, verrät genaue Kenntnis der Opferpraxis und stellt die Exodustradition in den Vordergrund. Man hat deshalb vermutet, dass Hosea mit oppositionellen Priestern im Nordreich verbunden war, die den Synkretismus bekämpften und – ähnlich wie schon die vorherigen Propheten Elija und Elischa – die exklusive Verehrung JHWHs gegen eine ausgleichende, den kanaanäischen Baalskult einbeziehende Religionspolitik der Könige durchzusetzen versuchten. Diese Politik wird im Deuteronomistischen Geschichtswerk stereotyp als "Sünde Jerobeams" für den Untergang des Nordreichs verantwortlich gemacht.

Hoseas eigene Liebesgeschichte war eine Leidensgeschichte. Er heiratete eine Frau, die ihm immer wieder untreu wurde. Er beschwor sie, sperrte sie sogar ein, um weitere Treffen mit ihren Liebhabern zu verhindern. Er beschimpfte sie als Hure oder versuchte es mit pädagogischen Strafmaßnahmen.

Diese katastrophale Ehe, in der Betrogene trotz ihrer Untreue nicht von seiner Geliebten lassen kann, wurde als Symbol für Israel genommen, dessen Volk mehrere Götter wie eine Hure verehrte. Hoseas Geduld, der weder seine Frau, noch die Hoffnung auf ihre Rückkehr aufgibt, zeugt von einer großen, anrührenden Leidenschaft.

                                     

4. Theologische Schwerpunkte

Als Prophet des Nordreichs bezog sich Hosea ausschließlich auf dessen Traditionen, vor allem den Auszug aus Ägypten, die Wüstenwanderung und das 1. Gebot Hos 13.4. Seine Gerichtspredigt war ebenso radikal wie die seines Zeitgenossen Amos. Auch Hosea verlangte soziale Gerechtigkeit und Gesellschaftsveränderung Hos 10.12f, stellte aber die Kritik am Opferkult und den Priestern in den Vordergrund. Dabei knüpfte er an die ältere vorschriftliche Prophetie Elijahs an, der ebenfalls jede Synthese von Baal und JHWH als für Israel tödlichen Abfall ablehnte 1 Kön 18.

Hosea bezog diese Kritik aber nicht nur auf den neben der JHWH-Verehrung fortbestehenden Baalskult 2.11 ; 9.10 ; 11.2, sondern auf die traditionellen Tieropfer für JHWH selber, die Israels Gott wie Baal zum Garanten des Wohlergehens missbrauchten:

Selbst an den Orten und unter dem Vorwand der JHWH-Verehrung verbarg sich für ihn der "Götzendienst". Das in Ex 32 als Blasphemie verurteilte Stierkalb aus Gold war wahrscheinlich kein Fremdgötterbild, sondern ein aus Kanaan übernommenes Symbol für die von JHWH erwartete Fruchtbarkeit des Landes Hos 8.5 ; 10.5, dem Stiere geopfert wurden Hos 12.12. Hosea verwarf im Namen des so angebeteten Gottes den Opferkult überhaupt:

Dem stand Hoseas politische Kritik in nichts nach. Er bezog sie nicht nur auf gewaltsame Umstürze und schwankende Außenpolitik der Könige Israels, sondern auf das Königtum überhaupt:

In Gilgal war seinerzeit Saul zum ersten König Israels gewählt worden 1 Sam 11. Statt einen neuen König wie von Priestern und Propheten erwartet als Heilsbringer zu bejubeln, sah Hosea Thronfolgen und Thronwirren als Zeichen des göttlichen Gerichts:

Die in der Abhängigkeit von König- und Priestertum sichtbare Untreue des Volkes führe dessen sicheren Untergang herbei 13.9, hebe aber dennoch Gottes Treue zu ihm nicht auf 11.8. In den politischen Katastrophen Israels sah Hosea vielmehr Gott wieder so handeln, wie er in Israels Frühzeit an ihm gehandelt hatte: Nur die Rückführung nach "Ägypten" Hos 8.13 ; 11.1 und in die Wüste Hos 5.9 ; 12.10, also eine neue Fremdherrschaft, die Israels eigenmächtige Institutionen und Führungsautoritäten entmachtete Hos 7.16 ; 11.5, werde dieses Volk lehren, seiner Berufung zu folgen und allein seinem Gott zu vertrauen Hos 10.2-3.

Wie später Jeremia Jer 31.20 und Tritojesaja Jes 63.15 betonte Hosea aber auch Gottes Leidenschaft für sein untreues Volk und sein Mitleiden an dessen Schicksal bis hin zum "Schmerz":

Gerade diese Fähigkeit zur Reue und zum erneuten Erbarmen gegenüber dem Wankelmut und der Untreue des menschlichen Bundesgenossen sah Hosea als die unverwechselbare Identität dieses Gottes Hos 11.9: ".

Theologen wie Jürgen Moltmann und Wilfried Härle sehen in dieser prophetischen Theologie vom mitleidenden Schmerz Gottes eine notwendige Korrektur eines einseitigen Gottesbildes, das Gottes Wesen nur als Liebe ohne innere Bewegung, ohne Veränderung und Dramatik bestimmt. Gericht, Zorn, Verstoßung und erneute Annahme der geliebten Menschen seien untrennbare und unausweichliche Teilmomente dieser Liebe und machten ihren Realitätsgehalt in der Geschichtserfahrung Israels aus.

                                     

5. Rezeption

In der synagogalen Praxis wird an dem Schabbat zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur die Haftara aus dem 14. Kapitel des Buches Hoschea Vers 2 vorgetragen. Die Lesung beginnt mit den hebräischen Worten Schuwa Jisrael: "Kehre um, Jisrael, zum Ewigen, deinem Gotte, hin." Aufgrund dieser prophetischen Lesung erhielt dieser Schabbat auch seinen besonderen Namen Schabbat Schuwa = "Schabbat der Umkehr" und fügt sich damit in die zehn Tage der Umkehr zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur ein.

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